• Mi. Jul 28th, 2021

Existenzspuren

Jedes Leben und jeder Gedanke hinterlassen ExistenzSpuren…

Als behinderter Mensch ist man in diesem Land auf Pflegedienste angewiesen, falls man selbstständig leben will und sich nicht der bürokratischen Mühen der persönlichen Assistenz aussetzen möchte. Grundsätzlich ist das ja nichts schlimmes. Man braucht nur einen Pflegevertrag abzuschließen und der Rest wird einem abgenommen. Die Mühen der Personalführung übernehmen andere. Wir kaufen uns sozusagen eine Dienstleistung, wie jede andere.

Dies ist der erste, vielleicht wichtigste, Punkt, den wir derzeit lernen müssen: Pflegedienste sind Dienstleistungsfirmen. Wie jede andere Dienstleistung müssen sie nach der Qualität ihrer Leistung beurteilt und bezahlt werden. Die Zeiten sollten langsam vorbei sein, in denen der behinderte Mensch Pflegediensten für ihre Arbeit dankbar sein sollte, wie scheinbar noch immer von manchen Pflegediensten gefordert wird.

Der zweite Punkt ist, dass es in Deutschland keinen Pflegenotstand gibt, sondern einen Notstand in der Infrastruktur unserer Pflege. Deutlicher gesagt: nicht das Personal fehlt, sondern die Finanzierung und die Arbeitsbedingungen des Personals sind katastrophal.

Schaut man es im Detail an, finden wir erschreckende Arbeitsbedingungen, so daß es kein Wunder ist, wenn das Personal eines Pflegedienstes permanent wechselt und es nur selten zu einer Identifikation mit Firma und Beruf kommt. Da gibt es Firmen, in denen weder Wochenend-, noch Nacht-, noch Feiertagszuschläge gezahlt werden. Man arbeitet für einen Minimallohn (dazu komme ich noch), trägt aber die volle Verantwortung und opfert seine Lebenszeit ohne Anerkennung. Es gibt Pflegefirmen, in denen Mitarbeitern und Kunden bei der Einstellung bzw. bei Vertragsabschluss das Blaue vom Himmel versprochen wird, so daß beide Seiten mit absolut falschen und unrealistischen Erwartungen in den Vertrag gehen. Die Frustration ist somit natürlich vorprogrammiert. Da gibt es sogar Firmen, in denen nicht mal der tariflich garantierte Lohn gezahlt wird. Damit es nicht rauskommt, werden den Mitarbeitern Gespräche über ihren Lohn untersagt. Wie unrealistisch das ist, sollte auf der Hand liegen: man redet immer und es kommt immer raus. Es kommt dann auch ans Tageslicht, das Mitarbeiter unterschiedlich bezahlt werden, trotz gleicher Leistung… Leistung ist ebenfalls ein wichtiges Stichwort, was einem die Haare zu Berge stehen lässt: da gibt es Firmen, in denen nur ein oder zwei Mitarbeiter für über 30 Personen zuständig sind, von denen einige dement (und somit in ihren Handlungen gefährlich unberechenbar) sind, andere schwere Pflegefälle, die sich allein nicht helfen können. Zwei Mitarbeiter für dreißig Personen bedeutet nicht nur potentiell lange Wartezeiten für den einzelnen Menschen, sondern es bedeutet auch eine enorme Gefahrenquelle, besonders im Krisenfall, wie Brand oder Unfälle. Allein die Notwendigkeit einen Notarzt zu holen, bindet eine Kraft an den Menschen, der den Notarzt benötigt. Im schlechtesten Fall muss die andere Kraft die Tür für den Notarzt öffnen, steht so bis zu dessen Ankunft für die andern 29 Personen nicht zur Verfügung… Oder betrachten wir die Aufgabenverteilung: da müssen normale Pflegekräfte die Aufgaben von Pflegefachkräften übernehmen, solange natürlich nicht kontrolliert wird. Das geht vom Stellen der Medikamente bis zur Darreichung von Morphiumpräparaten, was alles allein den Pflegefachkräften erlaubt ist, jedoch oft genug von normalen Pflegekräften erledigt werden muss. Legal ist es, bis irgendwas passiert, dann wird das Geschrei groß…

Als wäre das nicht schlimm genug, gibt es sogar Firmen, in denen  die Akten der Kunden „frisiert“ werden, sobald sich der MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) zur Kontrolle anmeldet. Es gibt Firmen, in denen normale Mitarbeiter als Fachkräfte geführt werden, um den Betreuungsschlüssel einzuhalten und so höhere Kosten gegenüber der Kasse geltend machen zu können… Da werden bei Anmeldung des MDK Nachtschichten eingelegt, um schnell noch Mängel zu beseitigen. Ungepflegte Kunden erzeugen sonst ein schlechtes Bild und provozieren Ungemach mit der Kasse. Das der Kunde vorher wochenlang pflegedienstverschuldet wie Struwwelpeter aussah und roch, kann man ja nicht zeigen…

Das Personal muss dies alles mittragen, ansonsten verliert es seinen Arbeitsplatz. Besonders engagierte Mitarbeiter gehen so langsam am Stress und an ihrem Gewissen zu Grunde. Sie verlassen dann natürlich schon nach kurzer Zeit die Firma wieder, in der Hoffnung an anderer Stelle bessere Arbeitsbedingungen zu finden. So entsteht eine Migration von Pflegekräften, die innerhalb der Pflegedienste zu einem künstlichen Mangel führen. Künstlich, weil es diesen eigentlich nicht geben müsste.

Last, but not least, gehört auch das parasitäre Volk der Betreuer in das Thema Pflegenotstand. Betreuer sind Personen, die diejenigen per Gericht zugeteilt werden, die nicht mehr selbstständig entscheiden bzw. urteilen können, wie an Demenz erkrankte oder geistig behinderte Menschen. Betreuer sollten Menschen sein, die die Rechte ihrer Kunden gegenüber Pflegediensten (bzw. in jeglichen anderen alltäglichen Vorgängen) vertreten und für das Wohl der Kunden sorgen sollten. Die Realität sieht so aus, dass die Betreuer alle paar Wochen mal auftauchen, dass aller nötigste erledigen und wieder verschwinden. Realität ist meist auch, dass Betreuer nur selten Mängel der Pflegedienste anprangern bzw. verlangen diese Mängel abzustellen, da dies ja mit Arbeit und Ärger verbunden wäre.

Dies ist der Pflegenotstand in Deutschland. Jeder kennt ihn, jeder sucht den Fehler beim anderen. Pflegedienste schieben es auf Krankenkassen, Krankenkassen schieben es auf die Politik usw… Er ist hausgemacht und unnötig, denn Pflegekräfte gibt es genug.

Damit schließe ich und lasse für heute das Thema Krankenkassen außen vor. Denn allein eine Diskussion über die vorgeschrieben Pflegezeiten würde den Rahmen dieses Blogs wahrscheinlich sprengen…  Außer acht lasse ich an dieser Stelle auch die Themen „Kulturelle Sensibilität“ und „Hygiene“. Vielleicht ein ander Mal mehr dazu.

9 Gedanken zu „Pflegenotstand“
  1. Es gibt einen Notstand-
    einen massiven Notstand an Politikern, die entsprechend der Notwendigkeiten Ihre Politik ausrichten.

    Sie können arbeiten so viel Sie wollen- in den Krankenhäusern rasiert Herr Rösler einfach einmal ENTGEGEN der erbrachten Leistungen komplett 2,5 Milliarden Euro weg, in einzelnen Bundesländern werden die resultierenden Effekte dann nochmals massiv verstärkt durch Landeskrankenhausgesetze die einfach nur Pauschal die BEzahlung der erbrachten Leistungen verweigert.

    Die Deutschen sollen also mit einem schlechteren Gesundheitwesen versorgt werden-
    dies ist das Ergebnis solcher Beschlüsse.
    Eine schlechtere Versorung bei einem ohnehin schon um sich greifenden Notstand der Versorgung.

  2. du hast den nagel auf den kopf getroffen. bei mir läuft das auch so. wenn der mdk kam, nahmen die sogar mein namensschild anfangs aus der tür und ich wurde angehalten, im zimmer zu bleiben. hilfskräfte oder sr. mit den langen fingernägeln, die man eher im mund hat, als die tabletten, kamen in die spätschicht. früh tümmelte das fachpersonal. wird man gefragt, muss man schwindeln, sonst droht die kündigung. wenn du wüsstest mit wieviel angst ich lebe. bezahle aber sehr gut. diese summe in der hand und ich hätte mit assistenten ein lebenswertes leben.soviel geld erhält aber nur der pfd. irrsinnig. die hilfe bekommen wir dafür nie.
    mach weiter mit der kritik. du kannst die worte sehr treffend zum verständnis setzen.

  3. Ich find sowas richtig schlimm. ich arbeite seit drei jahren in ein Altenheim das drei wb hat und ca 132 betten hat, wir sind nachts zu zweit und das ist auch nit so einfach alles. weil ich hab diesen beruf gemacht um für die menschen da zu sein, aber wie soll man das machen wenn man kein zeit hat. ich find sowas richtig schlimm weil man grade auch am tag nur für ein bw der pflegestufe 3 hat grad mal 10 min hat wenn das hoch kommt. ich finds gut das du das so schriebst und kein blatt von mund nimmst weil sowas kann echt nit mehr weiter gehn

  4. Es wird immer alles auf die Pflegekräfte geschoben, doch auch wir Behinderte tragen eine gewisse Schuld an der Misere: Wir lassen uns meist zu viel gefallen, wehren uns viel zu selten. Das System wird sich nicht ändern, wenn wir nicht den Mund aufmachen und schreien und toben. Wie hieß es dereinst bei TonSteineScherben: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“.
    Den Pflegekräften muss man sagen, dass auch sie sich nicht alles gefallen lassen dürfen. Ohne sie gibt es nämlich keine Pflege in Deutschland, auch wenn die Chefs gern was anderes behaupten. Wenn sie sich z.B. weigern würden Dinge zu unterschreiben, die sie nicht tun und nicht tun dürfen, dann wäre jede Firma zum umdenken gezwungen. Man muss nur zusammenhalten. Dazu kommt, dass die viele Pflegekräfte dann denjenigen in den Rücken fallen, die etwas ändern wollen. Sei es Kollegen oder Pflegenehmern. Jeder ist sich selbst der Nächste, doch niemand versteht, dass gerade diese Einstellung der Grund für die ganze Fehlentwicklung ist.

  5. interessante seite mein „alter“ freund ;o) … ich wünsch dir alles gute, viel glück und wunderschöne momente!

    möge die macht mit dir sein!

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