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Existenzspuren

Jedes Leben und jeder Gedanke hinterlassen ExistenzSpuren…

Rezension Stanislaw Lem „Der Flop“

VonChris Shafik Wunderlich

Apr 3, 2014

Ich mag intelligente Science Fiction. Besonders die des Ostblocks, wie Snegow oder die Strugatzkis. Sie zeichnet sich meist durch einen hohen Grad an Wissenschaftlichkeit und Idealismus aus, sowie durch einen angenehmen Stil des Erzählen.

Mit dem 1984 erschienen Roman „Der Flop“ bleibt Stanislaw Lem der Tradition treu und schrieb ein visionäres Werk, was erst in unserer Zeit eine ungeheuerliche Aktualität gewonnen hat.

Der Plot des Romans ist schnell erzählt: Der Roman spielt in einer Zeit, in der es auf Erden keine Waffen mehr gibt, da die gesamte Rüstung vollkommen auf den Mond verlegt wurde, wo sie sich autonom evolutionär weiterentwickelt. Rund um den Mond hat man eine Zone des Schweigens gelegt, wodurch kein Staat weiß, wie sich seine Waffensysteme entwickeln, was den Frieden auf der Erde lange schon sichert.

Nun wird der Raumfahrer Ijon Tichy, einer der bekanntesten Protagonisten Lems, von einer globalen Organisation auf den Mond geschickt, um die dortige Situation zu erkunden. Doch etwas geschieht dort mit ihm, wodurch er ohne Erinnerung und mit einem „psychischen Defekt“ zurückkehrt: Seine rechte und linke Hirnhälften wurden „geteilt“, arbeiten sozusagen unabhängig. Was dies für Folgen hat und wodurch dies geschah, wird der Leser im Laufe des Romans entdecken dürfen…

Was den Roman jedoch für mich interessant macht, ist die Beschreibung  der globalen Entwicklung, bis die Waffensysteme irgendwann von der Erde auf den Mond verbannt wurden. Es wird eine Welt beschrieben, in der man sich mit den wachsenden technischen Möglichkeiten auch immer mehr ausspionierte und bekämpfte. Der Krieg wurde auf von den konventionellen Waffensystemen auf einer andere, subtilere Ebene verlegt. Statt ein Land zu bombardieren, wurden Krankheiten verbreitet, Unwetter auf den Gegner loslassen usw. Niemand wußte mehr, ob all diese Dinge natürlichen Ursprungs sind, oder vom Feind geschaffen.

Doch es geht noch subtiler, nach S. Lem:

Die eindeutige Alternative >>Krieg oder Frieden<< ging der Welt verloren, jetzt gab es Krieg, der Frieden und Frieden, der Krieg war. In der ersten Phase dominierte – unter einer Maske offiziell erklärten Friedens – eine viele Bereiche umfassende Diversion. Sie durchsetzte politische, religiöse und soziale Bewegungen (sogar ehrenwerte und harmlose wie die zum Schutze der Umwelt), unterwusch die Kultur und die Massenmedien, suchte die Illusionen der Jugend und die Traditionsbegriffe der Alten für sich zu gewinnen…

Stanislaw Lem, „Der Flop“, Berlin, 1986, S. 76

Die Parallelen zur heutigen Politik sind in meinen Augen unverkennbar. Feindliche Regime werden zermürbt, in dem man die Opposition mit Technik, Geld und (natürlich nie direkt) mit Waffen unterstützt, um eine Destabilisierung zu erreichen, die den eigenen Einfluss vergrößert oder den meisten Profit bringt. Das Kapital muss frei fließen… Ägypten, Libyen, Syrien, um nur die Offensichtlichsten zu nennen. Von der Ukraine ganz zu schweigen.

„Der Flop“ ist definitiv eine Lektüre wert, auch wenn er den Leser mit einem flauen Gefühl im Magen zurück lässt.

Stanislaw Lem, „Der Flop“, Berlin, 1984

2 Gedanken zu „Rezension Stanislaw Lem „Der Flop““
  1. Herzlichen Dank für Die Rezension – ich liebe die „uralten“ Schmöker aus vergangenen Epochen (1984: einst war es ein
    utopische Datum / jetzt wirkt es wie eine längst versunkene Epoche…)
    Grüße aus Dresden

  2. Vielen Dank. Ja, besonders in der Sci-Fi-Literatur des ehemaligen Ostblockes steckt soviel Weisheit und Utopie, wie man heute kaum noch findet. Leider.

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