• Fr. Feb 26th, 2021

Existenzspuren

Jedes Leben und jeder Gedanke hinterlassen ExistenzSpuren…

Das Ende der Sehnsucht

(ein Märchen von Chris Wunderlich,
gewidmet V., die mein Licht im Dunkel werden kann.)

Am Ende der Sehnsucht liegt ein Hafen. Jeder möchte dort ankommen, heimisch werden. Denn dort regieren Ruhe und Frieden. Dort ist niemand einsam oder traurig. Oder ohne Liebe…

Woher ich das weiß? Ich war dort. Habe mich auf die Reise gemacht und für einige Tage durfte ich dort zu Gast sein.

Alles begann nach einer tiefen Frostnacht. An diesem lang vergangenen Morgen lief ich durch den Park, den eine leichte, weiße Decke bedeckte. Da sah ich ein Spinnennetz, an einem Zaun. Voller kleiner Eiskristalle schillerte es, brach sich das Licht in tausend Farben darin. Wie unzählige Eistränen hing der Frost in dem dünnen Gespinst. So zerbrechlich, so vergänglich. Vielleicht war ich der Einzige, der es sehen durfte. Vielleicht war ich der Einzige, der plötzlich Sehnsucht empfand.

Sicher war ich aber der Einzige, der die kleine Eisfee sah, wie sie stolz ihr Werk betrachtete. Damals wusste ich nicht, das Sehnsucht Eisfeen sichtbar werden lässt. So staunte ich noch mehr.
„Huch, du kannst mich sehen?“, fragte mich die erschrockene Eisfee. Ich stotterte ein JA, doch tief in mir wollte die Sehnsucht eigentlich nur Stille.

„Dann trägst du aber sehr viel Sehnsucht in Dir.“

Im Licht der Eiskristalle sah ich vergangene Bilder und Szenen aus meinem Leben. Lang verdrängt waren sie wieder an der Oberfläche, fluteten meine Gedanken und Gefühle.

Eisfeen fühlen unsere Sehnsüchte, so wundert es mich heute nicht mehr, dass sie leise zu mir sagte: „Es gibt einen Ort, wo du deine Sehnsucht heilen kannst.“ Sie begann mir von dem Hafen zu erzählen, wo man Stille, Ruhe und Frieden finden kann, wenn es auch nur wenigen gelingt, ihn zu erreichen.

Es war nicht nötig zu fragen, wie ich den Weg finden könne. Sie brauchte mich nur anzuschauen. Ihr Nicken beantwortete alle Fragen, ließ die Welt einen Augenblick vor meinen Sinnen verschwimmen.

Als meine Welt wieder in den Fugen zu sein schien, hatte sich etwas verändert. Ich war ein Teil des Gespinstes geworden. Als Eiskristall brach sich das warme Sonnenlicht nun in mir. Die Eisfee lächelte, nahm mir jede Angst und gab mir die Gewissheit, dass ich meinen Hafen finden würde. „Du brauchst nur noch ein wenig Hoffnung.“, hauchte sie mir zu.

Der Tag verging, die bitterkalte Nacht brach an. Niemand hatte die Eisfee wahrgenommen, niemand mich wahrgenommen. Noch immer war die Eisfee bei mir und gab mir Gewissheit, als plötzlich in der kältesten Winternacht ein Gewitter aufzog. Meine Fee lächelte zufrieden und wünschte mir eine gute Reise. Selbst bei den ersten Blitzen verstand ich noch immer nicht. Doch im nächsten Moment, als dieses grelle Licht direkt auf das Gespinst zuraste, wurde es mir klar: Ich musste verbrennen. So geschah es auch: Der Blitz verbrannte mich und trug mich mit sich fort. Um die halbe Welt ritt er mit mir, ohne das ich etwas sehen konnte oder etwas dagegen tun. Zeit spielte keine Rolle. Auch wenn ihr es nicht glaubt, aber ich war glücklich. Alle Last war verschwunden, alle Sorgen und Ängste verglüht. Selbst in dem Moment, als wir in den Mast eines Schiffes einschlugen, empfand ich nichts als Glück.

Nachdem der Blitz erloschen nahm ich mich selbst als winzigen Funken war, den zwei liebevolle Augen still beobachteten.

„Du bist im Hafen der Sehnsucht. Hier herrschen wir Sehnsuchtsfeen, die ihre Gäste zu Ruhe und Frieden finden lassen. Sei unser Gast, solange du unserer bedarfst!“

Worte waren für mich kaum noch von Bedeutung. Selbst als sie mir meinen menschlichen Körper wieder gab, blieb ich sprachlos und genoss dieses Gefühl am Ende der Sehnsucht angekommen zu sein.

(Copyright @Chris Wunderlich, 2012)

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