• Mo. Okt 25th, 2021

Existenzspuren

Jedes Leben und jeder Gedanke hinterlassen ExistenzSpuren…

Wenn niemand zuschaut, kein Mensch stört, dann passieren überall um uns herum wunderbare Geschichten. Da geschehen unglaubliche Dinge, die unsere Phantasie sich kaum ausdenken kann. Die größten Tragödien ebenso, wie die schönsten Liebesgeschichten. Eine dieser Liebesgeschichten möchte ich euch erzählen. Lest sie leise, denn sie verträgt den Lärm des Tages nicht, so zart und zerbrechlich ist sie…

Der Frosch und die Störchin
(ein Märchen von Chris Wunderlich,
gewidmet V., die mein Licht im Dunkel ist.)

Es war einmal ein Frosch, der einsam in einem Tümpel lebte. Das kommt selten vor, da Frösche viel lieber in Gesellschaft sind, doch diesen Frosch hatten alle verlassen oder waren von den Störchen gefressen worden. Eine grausame Welt ist das nun mal, doch manchmal findet sich in ihr auch ein Funke Liebe, der dann umso wertvoller ist. Unser Frosch lebte so in den Tag hinein, einsam, aber nicht unzufrieden. Er unterhielt sich mit den Fischen, hatte immer genug zu essen und war meist nicht in Gefahr, denn Störche kamen kaum noch an den See.
Eines Tages im frühen Herbst machte unser Frosch wieder einen Spaziergang rund um seinen Tümpel, als plötzlich eine Störchin vor ihm stand. Sie stand auf einem Bein, schaute traurig und einsam in die Welt. Der Frosch wunderte sich und eigentlich müßte er sich ganz schnell verstecken, um nicht gefressen zu werden. Doch es trieb ihn die Neugier, so daß er zu der Störchin hüpfte und sie vorsichtig aus der Deckung eines großen Blattes ansprach:
„Was machst du denn hier? Du wirkst einsam und Nahrung gibt es hier für dich kaum noch.“, sagte unser Frosch
„Ach, ich bin nicht hungrig. Eher traurig. Wenn ich traurig bin, gehe ich immer dahin, wo mich niemand stört und ich ungestört weinen darf.“, antwortete die Störchin
„Warum bist du denn traurig, Störchin?“, fragte unser Frosch wieder und hüpfte mutig unter seinem Blatt hervor.
So erzählte die Störchin ihre traurige Geschichte, wie sie so einsam wurde und oft nicht wußte, warum sie überhaupt noch lebte. So vergingen die Minuten. Es wurden Stunden daraus, während derer sich unser Frosch und die Störchin über ihre Traurigkeiten unterhielten. Sie bemerkten dabei lange nicht einmal, dass sie glücklich wurden, denn sie waren für einander da und hörten sich interessiert zu. So verloren all die traurigen Erinnerungen ihre Macht. Die Worte wurden zärtlicher, die Gedanken tiefgründiger. Jeder Schmerz in ein Wort gepackt und dem Anderen geschenkt, so daß die eigene Last immer leichter wurde. Und als die Sonne unterging, trennten die Beiden sich wieder traurig, doch die Erinnerung an ihre Unterhaltung machte diese Nacht leichter… Leichter als hunderte Nächte zuvor.
Von nun an trafen sie sich täglich: Unser Frosch hatte keine Angst mehr gefressen zu werden. Er und die Störchin waren endlich nicht mehr traurig. Ihre Einsamkeit war bald vergessen, wenn sie beisammen waren und mit einander sprachen. In ihnen wuchs etwas, was man selten sieht: die wahre Liebe. Ja, es gibt Liebe auch zwischen einem Frosch und einer Störchin, denn die Liebe hat noch nie Rücksicht auf Schubladen und Klischees genommen.
Die Wochen vergingen und der Winter kam näher… Sie mußten Abschied nehmen, denn im Winter verlassen Störche unser Land und fliegen in den Süden. Denn dort herrscht Sommer, wenn der Winter hier alles bitter kalt werden läßt.
Anders als die Störche, ziehen sich Frösche zur Winterstarre unter Wasser zurück, wo sie fast unbeweglich über Monate vom Sommer träumen. Sie hocken dann tief unten im eiskalten Wasser und tun nichts, außer träumen.
Der Tag des Abschieds war so schwer, wie ich ihn kaum beschreiben mag. Es floßen Tränen und leise Liebesschwüre wurde getauscht… Doch man schwor sich, dass im kommenden Frühling ihre Liebe noch ebenso frisch sein würde, wie in diesem Moment. Wäre ein Mensch dabei gewesen, hätte er zum ersten Mal Tränen in den Augen eines Frosches und eines Storches gesehen…
So trennten sie sich. Die Störchin flog nach Süden, wo es warm und voller Nahrung ist. Doch in Gedanken war sie nur bei ihrem Frosch. Ob es ihm wohl gut geht in seinem Tümpel? Ob ihm die Winterstarre wohl bekomme? Unserem Frosch ging es nicht anders: Er hockte in seinem Tümpel und träumte von der Geliebten. Über Monate träumte er nur von ihren Unterhaltungen, wie sie da ruhig und friedlich am Ufer stand. Beide träumten jede Minute vom Frühling und konnten es kaum erwarten…
Als der Frühling dann kam, flog unsere Störchin schneller heim, als jemals zuvor. Selbst all die Storchen Männchen, die um sie warben, ließ sie weit hinter sich und eilte zu ihrem Frosch. Und er wartete auf sie, sehnsüchtig, wie den ganzen Winter über in seiner Starre. Nicht schien ihnen beiden wichtiger, als ihr Wiedersehen. Als es dann endlich soweit war, strahlten sie sich glücklich an und nichts konnte sie jemals wieder auseinander bringen.
So vergingen die Jahre. Ihre Liebe überstand jeden Winter, jeden Frühling, jeden Sommer und jeden Herbst. Jede Trennung machte sie eher frisch, ließ die Vorfreude die Gefühle um so heißer entbrennen. Und wenn sie nicht gestorben sind, so kann man irgendwo an einem Tümpel noch immer im Sommer eine Störchin und einen Frosch finden, sie sich verliebt anschauen und in ihrem Glück den Rest der Welt vergessen. Das ist Liebe…

(Copyright @Chris Wunderlich, 2012)

Ein Gedanke zu „Der Frosch und die Störchin“

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