• Do. Mai 13th, 2021

Existenzspuren

Jedes Leben und jeder Gedanke hinterlassen ExistenzSpuren…

Seit ich mich etwas tiefer mit der persönlichen Assistenz, deren psychologischer und philosophischer Seite beschäftige, fasziniert mich immer mehr Michel Focaults Diskursanalyse. Es wird mir immer klar, denke ich, dass auch der Behindertenbegriff bzw. die aktuelle Inklusionsbewegung, nur winzige gesellschaftliche Teilchen sind, auf die Macht einwirkt, die aber ebenfalls auf andere gesellschaftliche Aspekt Macht ausüben. In dem Moment, wo der behinderte Mensch in den sozialen Diskurs eingreift, bekommt er Macht. Je mehr er gehört wird, desto mehr Macht natürlich. Das Machtgefüge ändert sich, verteilt sich neu.

Doch warum gerade jetzt? Seit mehr als 40 Jahren gibt es die Behindertenbewegung in verschiedenen Formen und unter wechselnden Namen. Doch erst seit der UN-Behindertenrechtskonvention kommt scheinbar mehr Bewegung in das Thema, auch wenn dies oft eher wie reiner Aktionismus erscheint. Ist vielleicht jetzt der Kulminationspunkt erreicht, an dem der Diskursprozeß die Machtverhältnisse umkehrt?

Mich interessiert aber auch, wie sich der Inklusionsdiskurs zum Gentechnikdiskurs verhalten wird. Kippt die Machtwaage zur Inklusion, werden also gesellschaftliche Strukturen geschaffen, in denen behinderte Menschen nur noch gesundheitliche, aber keine gesellschaftlichen Einschränkungen haben, wird doch eigentlich der Gentechnikdiskurs in Bezug auf Abreibung, genetic engineering, Genmanipulation und pränatale Diagnostik irrelevant.

Oder wie seht ihr das?

Interessante Links zum Thema:

http://de.wikipedia.org/wiki/Diskursanalyse#Diskursanalyse_in_Anlehnung_an_Foucault

7 Gedanken zu „Macht und Behinderung“
  1. Zum Thema Inklusion vs. „Perfektion“ (da fällt ja leider noch viel mehr rein, als der Gentech-Diskurs, denke ich): Ich merke gerade, dass ich dem sozialwissenschaftlichen Diskurs (harhar) da etwas hinterherhänge. Als ich die Uni verließ, was das Diversity-Konzept dort gerade am hereinrieseln. Inzwischen gibt es an jeder Uni nicht nur entsprechende Forschungen zu „Vielfalt“, „Diversity“ oder abgeleiteten Themen, sondern gleich auch eine Stabstelle „Diversity-Management“.
    Das heißt es gibt eine sehr spannende Diskursverschiebung (-oder bruch? oder?) von: „Ungleichheiten als Problem“ zu „Vielfalt als Ressource“. Und auch wenn letzteres ‚eher positiv‘ belegt zu sein scheint, braucht es „Management“ und ist eine „Herausforderung für Organisationen und Institutionen“. Ich bin sehr gespannt, wie sich das weiterentwickelt, bin aber sicher, dass die entsprechenden Dispositive („Behinderung“, „Geschlecht“….) sich eben dadurch (leider) nicht auflösen werden.

  2. Eine Diskursverschiebung zu Gunsten der herrschenden Machtstrukturen. Aus einer „Krüppel-Bewegung“ wird diversity-managment oder eine Ressource. Ich habe das Gefühl, der Fokus der finanzgesteuerten Machtstrukturen (es mangelt mir gerade an einem besseren Begriff.) wendet sich den Themen Behinderung und Inklusion zu. Mir kommt der Vergleich mit „Herr der Ringe“ gerade in den Sinn: Es entsteht eine neue Macht in Mordor… Saurons Auge wendet sich auf uns. Wird Behinderung für die Machtdiskurse interessant, verliert sie ihr Revolutionspotential…

    Ist es verständlich, was ich zu sagen versuche und selbst gerade erst verstehe? (Bin auch müde und die Konzentration läßt nach. Der Tag war lang.)

  3. Also – ich bin mir leider auch nicht sicher, ob ich weiß was du meinst ;O)
    Aber vor weg: Mit Foucaults Machtbegriff ist es „Essig“ mit Sauron’s Auge. Denn in diesem spezifischen Konzept geht Macht nicht nur „durch“ Menschen hindurch, sondern sie sind Teil eines Netzes aus Macht. Sie hängen nicht nur an Strippen, sondern haben sie fleißig mitgestrickt (und stricken auch immer weiter). Außerdem sind Subjekte bei Foucault „nur“ da, weil es Macht gibt. Wir sind also quasi die Löcher im Lochmuster der Macht. (Gott, ich muss mit solchen Metaphern aufhören…). Das ist übrigens auch einer der Kritikpunkte an dem Konzept: Es gibt keinen machtfreien Raum und Individualität (also z.B. auch „Behinderung“) ist nur möglich durch Macht(wirkungen). (Ich würde aber sagen, dass das nicht bedeutet das politisches handeln unmöglich wird. Er war ja selbst z.B. sehr aktiv in der Gefangenenhilfe.)

    Ich glaube dich so zu verstehen, dass das Dispositiv „Behinderung“ vereinnahmt wird und damit emanzipatorisches Potential verliert. Tja, also „vereinnahmt“ wird immer (s.o.) das kann aber sehr unterschiedlich laufen und historisch gedacht scheint es auch immer noch andere Voraussetzungen zu brauchen, damit sich ein Begriffswandel vollzieht. Das kann z.B. sehr schön an der Frauenbewegung nachvollzogen werden. Es gab scheinbar „bessere und/oder schlechtere“ Bedingungen (sehr alte) Forderungen in den Diskurs zu bringen und sie schließlich durchzusetzen. Es war ja gut z.B. das Wahlrecht durchzusetzen, allerdings war das erst möglich als die „männlichen Genossen“ Frauen als potentielle Wähler „entdeckten“. Im Herr der Ringe Bild „Huch, da ist ja ne relativ große Gruppe Menschen, denen ich/wir auch noch so’n Ring andrehen könnten.“
    Trotzdem bin ich den damaligen Damen natürlich dankbar, dass ich wählen darf. Andererseits haben die unterschiedlichen Wellen der Frauenbewegung mit dem Durchsetzen von Forderungen auch immer neue Anforderungen geschaffen und (zumindest bis in die 1980er/90er hinein – heute eigentlich auch noch) auch immer wieder das Dispositiv „Geschlecht: weiblich“ reproduziert, was z.B. der QueerTheory (die auf ihren Schulter hockt) auf die Füße fällt.

  4. Du hast mich richtig verstanden, sehe ich. 🙂
    Foucaults Machtbegriff ist eben kaum fassbar, immer extrem abstrakt. Beginnt man ihn aber auf bestimmte Aspekte einzuschränken, wird es, finde ich, wirklich interessant. Schränkt man ihn auf „politische“ Macht ein, wird eben auch verständlich, wieso Frauen wählen dürfen, wieso sie sich scheiden lassen dürfen, wieso die Queer-Konzepte entstanden. Du sagtest es ja bereits.
    Nur, wie soll ich mit einem kaum fassbaren, abstrakten Machtbegriff sonst arbeiten? Ich muss, habe ich das Gefühl, ihn kritisch betrachten, de-konstruieren und mich auf gewisse Bereiche beschränken, sonst wird es spekulativ. Eigentlich hat das Foucault doch auch gemacht, denn meist ging es um politische Machtstrukturen die „Wahnsinn und Gesellschaft“ oder „Die Geburt der Klinik“ betrachten. Der Machtdiskurs bleibt politisch, auch wenn er aus der „Gesellschaft“, der Kirche oder direkt aus der Regierung kommt.

  5. Äh… also irgendwie verstehe ich das mit den „einschränken auf bestimmte Aspekte / politische Macht“ nicht so ganz.
    Der Machtbegriff ist insofern abstrabkt, dass er Macht immer als etwas verteiltes versteht, die quasi aus allen Richtungen kommt (oder zumindest kommen kann). Also eben nicht nur aus der politischen Ecke oder als politische Macht. Gerade am Diskurs um „Behinderung“ ist „Medizin“ ja ein viel umkämpfteres Feld.

    Oder wie meinst du das?

  6. Ich meine es, dass wir Menschen vielleicht unsere Grenze erreichen, wenn wir den Machtbegriff so abstrakt (oder allumfassend) sehen. Auch wenn es einseitig ist, so möchte ich doch mal für den Moment den Machtbegriff nur politisch interpretieren. Aber nicht heute: Heute bin ich zu müde. :))

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