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Existenzspuren

Jedes Leben und jeder Gedanke hinterlassen ExistenzSpuren…

Bismillah

Heute, am 08.08.2015, jährt sich zum zehnten Mal der Tag meiner Konversion. Vor genau zehn Jahren sprach ich in der Trompsdorfer Straße in Erfurt die Shahada, das islamische Glaubensbekenntnis. Alhamdulillah. Wie es dazu kam, beschrieb ich vor einiger Zeit hier bereits: „Mein Weg zum Islam“

Jetzt möchte ich viel lieber darüber schreiben, was sich in all den Jahren verändert hat in meinem Leben, aber auch in der Gesellschaft.

Privat hat sich als Folge meiner Konvertierung eigentlich relativ wenig verändert. Besonders auffällig verändert hat sich die Zahl meiner Freunde. Sie reduzierte sich eigentlich bereits, als ich keinen Alkohol mehr trank, wenn wir ausgingen. Es ist erstaunlich, aber viele Menschen fühlen sich unwohl, wenn jemand am Tisch sitzt, der nüchtern ist, während sie Alkohol konsumieren. Natürlich sprach das eigentlich niemand direkt aus, aber meine Bar und Restaurantbesuche wurden immer seltener. (Das heißt nicht, dass es in den zehn Jahren nicht auch Zeiten gab, in denen ich sündigte. Astagirullah) Natürlich waren das nicht die einzigen Faktoren: Der Umzug nach Erfurt spielte dabei ebenfalls eine Rolle. Außerdem gingen einige in die Welt hinaus.

Natürlich änderten sich auch meine Interessen. Bis zur Konvertierung interessierte Religion mich eigentlich nur literarisch. Danach begann ich sogar Religionswissenschaften zu studieren und in der Mehrheit nur noch islamische Bücher zu lesen.

Kommen wir zu den (wesentlich interessanteren) gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Dekade. Konvertierte ich damals noch in einer Wohnung, die als Gebetsraum genutzt wurde, so gibt es, Allah sei Dank, in Erfurt mittlerweile eine kleine Moschee. Die Muslime traten aus dem Dunkel in die Öffentlichkeit, so dass es mittlerweile sogar im Osten in jeder großen Stadt kleine Moscheen gibt, die sich nicht mehr verstecken.

Auch in Bezug auf islamische Literatur auf deutsch hat sich sehr verbessert. 2005 bekam man größtenteils nur schiitische Werke, wenn man mehr als nur Sekundärliteratur von europäischen Islamwissenschaftlern lesen wollte. Heute dagegen kann man schon viele gute sunnitische Werke auf deutsch bekommen, wenn es auch noch lange nicht genügt. Auf diesem Gebiet waren, dass muss man zugeben, die sog. Salafisten hervorragende Vorreiter. Erst als Reaktion darauf zogen die traditionellen Richtungen des Islams nach, wenn ich das richtig beurteile. Leider leidet der islamische Buchmarkt in Deutschland noch immer darunter, dass größtenteils Werke für neue Muslime (Dawa-Literatur) übersetzt werden. Tiefgründigere Werke sind noch selten. (Unschlagbar sind für mich noch immer die Übersetzungen von Richard Gramlich. Aber das nur am Rand.)

Wie es scheint, beeinflusst die wachsende Zahl der Muslime in Deutschland auch langsam den Markt. Immer häufiger findet man in den „normalen“ Supermärkten Lebensmittel, die explizit betonen, dass kein Schweinefleisch enthalten ist. Alhamdulillah. Die wachsende Zahl Vegetarier und Veganer erleichtert Muslimen das Leben auch ungemein, denn die Produzenten verzichten immer häufiger auf tierische Zutaten.

Politisch hat sich ebenfalls einiges getan. Es entstanden immer mehr kleine und mittlere Verbände, die, wie es mir scheint, aber immer noch nur Zweckinitiativen sind. Man hat das Gefühl, die handelnden Akteure sind von ihren neuen Mitteln derart überrascht, dass sie ihre Kraft lieber in internen Grabenkämpfe stecken, statt wirklich etwas zu verändern. Handeln sie doch mal gemeinsam, so laufen sie wie gezähmte Tiger an der Leine der etablierten Parteien…

Erwähnt seien hier aber auch die negativen Entwicklungen: die Etablierung der Salafisten in Deutschland (rund um P. Vogel), die Anschläge der Al-Qaida, der (vom Westen geförderte) Bürgerkrieg in Syrien, sowie die Entstehung des sogenannten „Islamischen Staates“ führten in den letzten zehn Jahren zu einem Islambild in der Öffentlichkeit, was vollkommen verzerrt die Religion als Ansammlung von Grausamkeiten wahrnimmt. Gefördert von den meisten Medien wächst so die Angst vor dem Islam, was zu Strömungen wie AfD, PEGIDA oder Legida führt. Die deutsche Mitte hat ein neues Feindbild. Sie radikalisiert sich, was noch gefördert wird durch die wachsende Zahl von Flüchtlingen. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Muslime die Minderheit innerhalb der Flüchtlingsströme darstellen. Dies alles führt zu Protestwellen gegen den Islam, gegen Moscheen, ja sogar zu Brandanschlägen auf Moscheen. Es ist nicht allzu schwer sich auszudenken, wie dieser Prozeß sich entwickeln könnte…

Die Absurdität der momentanen Situation zeigt sich besonders gut zwischen zwei Extremen: Der Fernsehsender Bayern 3 zeigte letztens live das Id-Gebet (Festgebet) zum Ende des Ramadans. Dies ist die eine Seite. Auf der anderen Seite brennen wieder Gotteshäuser in Deutschland. Das Spannungsfeld. was da entsteht, ist brandgefährlich.

Die vergangene Dekade war also voller Widersprüche, deren Auswirkungen langsam Realität werden. Trotzallem bin ich Allah ta’ala unglaublich dankbar, dass ich zu diesem Weg gefunden habe. Auch wenn er manchmal sehr schwer ist.

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