• Mi. Jul 28th, 2021

Existenzspuren

Jedes Leben und jeder Gedanke hinterlassen ExistenzSpuren…

Nachdem nun ein kurzer Überblick über die Geschichte des Landes Nordkorea abgeschlossen ist, möchte ich mich nun schlussendlich der aktuellen Krise annähern.

Anders als 1950 ist Nordkorea derzeit fast vollkommen isoliert. Zwei offizielle Verbündete hat es in Iran und China. Zu Venezuela gab es zwar Kontakte und Zusammenarbeit, aber ob dies bereits als Bündnis angesehen werden kann, möchte ich nicht beurteilen.

Das Verhältnis zu China ist derzeit etwas unklar. Es existiert ein Bündnis. China und Nordkorea unterhalten enge Beziehungen. China scheint sich als „großer Bruder“ Nordkoreas zu sehen, weshalb es sich auch meist nicht an den Sanktionen gegen Nordkorea beteiligte. Doch im Augenblick sind Xi Jinping, Chinas neuer Präsident, sowie Li Keqiang, der neue Ministerpräsident, anscheinend verärgert, denn der drohende Krieg würde, so spekuliere ich, Chinas wirtschaftlichen Plänen sehr schaden können. Ohne den US-Markt würden die chinesischen Exporte massiv einbrechen. So sendet Peking subtile, aber deutliche Signale an Pjöngjang, dass man doch einen Schritt kürzer treten möge in der Kriegsrhetorik.

Schauen wir uns den Iran an, so haben beide Staaten einiges gemein: den Ärger wegen ihres Atomprogrammes, die Feindschaft der kapitalistischen, westlichen Staaten, Opfer der UN-Sanktionen, sowie die internationale Isolation, denn beide werden als „Achse des Bösen“ diffamiert. Auch wenn beide Staaten ideologisch sich sehr entgegen stehen, führen doch gemeinsame Interessen zusammen. Man spekuliert sogar, ob der Iran die atomare Technik nach Nordkorea verkaufte.

Zu Russland dürfte es dagegen weniger Verbindungen geben, denn nach dem Zusammenbruch des Ostblockes bestand sicher wenig russisches Interesse an Nordkorea.

Betrachten wir nun mal die feindliche Seite.

Da ist Südkorea, mit dem man noch immer nur ein Waffenstillstandsabkommen hat, keinen Friedensvertrag. Südkorea ist noch immer ein sehr enger Verbündeter der Vereinigten Staaten und wird von ihnen wirtschaftlich und militärisch stark unterstützt. Die Verfolgung von Linken ist ebenfalls nicht all zulange her, denn noch 1980 genügte es als Linker diffamiert zu werden, um mindestens seine Arbeit zu verlieren oder gar schlimmeres1. Der Antikommunismus ist noch immer Staatsdoktrin. Noch immer wird der Koreakrieg nur sehr einseitig aufgearbeitet, wie Dong-Choon Kim sagt. Jede Meinung, die nicht die alleinige Schuld Nordkoreas bestätigt, wurde noch vor wenigen Jahren verboten. Dazu kommen Provokationen von der südkoreanischen Seite gegen den Norden: beispielsweise führt man gern ausländische Touristen an die Grenze zu Nordkorea, dass sie mal Nordkoreaner sehen dürfen… Andererseits hat die scheinbar allmächtige Wirtschaft auch eine gewisse alltägliche Normalität geschaffen, denn in einigen Grenzgebieten gibt es täglich eine hohe Fluktuation von Arbeitern. (Ob das nur einseitig von Nord nach Süd stattfindet oder auch umgekehrt, kann ich nicht sagen.) Es gibt also eine Differenz zwischen dem Alltag und der jeweiligen politischen Propaganda.

Kommen wir zu den USA, die derzeit eine Neuauflage des kalten Krieges zu proben scheinen. Die fast erdrückenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten zwingen das Land, wie ich finde, zur Flucht nach vorn. Je mehr Feindbilder existieren, desto leichter lässt sich der Volkswille und die Wirtschaft kontrollieren. Seien wir doch mal ehrlich: Nordkorea bräuchte die USA nicht zu interessieren. Weder wirtschaftlich, noch militärisch kann das Land Amerika wirklich schaden. Selbst mit Atomwaffen wären sie nie in der Lage die USA zu treffen. Ebenfalls unrealistisch ist der Gedanke, dass Amerika in Südkorea etwas wieder gut machen möchte, nach den Massakern vor, während und nach dem Koreakrieg. Dieses Schuldbewusstsein ist politisch kaum gegeben. Es muss also um mehr gehen, als nur Bündnispflicht.

Viel eher geht es doch um die wirtschaftliche Macht in Asien. Südkorea und Japan sind die Bollwerke gegen das chinesische Wirtschaftswachstum. Eine Tatsache, die man noch vor 30 Jahren noch anders nannte: Bollwerke gegen den Kommunismus. Seit es diese „Gefahr“ nicht mehr gibt, entwickelt der Kapitalismus sich freier und unmenschlicher, als damals, wie John Lanchester in der aktuellen „Le Monde diplomatique“ formuliert2. Sinngemäß stellt er fest, dass es damals die moralische Bremse gab, dass man moralisch und sozial nicht hinter den sozialistischen Ländern zurückstehen wollte.

Doch zurück zum Thema. Man schafft sich Feindbilder, in dem man subtil Druck auf kleinere, sich als Opfer empfindende Staaten ausübt und dann geduldig deren meist aggressive Reaktion abwartet. Funktioniert das nicht mehr (oder nicht schnell genug) über die UN, so organisiert man an den Grenzen des Feindes einfach riesige Manöver, lässt die Luftwaffe Scheinangriffe fliegen und bringt den kleinen Bündnispartner dazu, sich größer zu fühlen und zu geben, als er wirklich ist. Die Kriegsrhetorik ist in Südkorea nicht viel anders, als die Nordkoreanische. Nur bekommen wir da weniger mit.

Diese riesigen Manöver nicht als Provokation zu sehen, erscheint mir aus nordkoreanischer Sicht als reine Unmöglichkeit. Die Wunde „yugio“3, die nicht nur in Südkorea existiert, brennt noch immer. Die „ungerechtfertigten“ Sanktionen der UN, sowie die Isolation auf betreiben der USA tun ihr übriges. Man lebt seit 1953 in einem relativen Waffenstillstand, also eigentlich noch immer im Kriegszustand. Dazu kommt die Aufrüstung Südkoreas und Japans, der ehemals verhassten Kolonialherren (beide von den USA abhängig), von deren Boden die Manöver ausgehen. Man sieht die eigene Existenz in Gefahr, was nicht ganz von der Hand zu weisen ist.

Nehmen wir an, Nordkorea würde sich öffnen. Es würde eine Entwicklung wie im früheren Ostblock folgen, also eine schleichende Kapitalisierung der Bevölkerung. Der Kapitalismus würde das derzeitige System nicht nur politisch untergraben, sondern besonders gesellschaftlich. Wir sehen es in der ehemaligen DDR: der damalige Zusammenhalt und soziale Frieden war durch ein festes Gesellschaftssystem gesichert, wenn auch aus je anderen Motiven. Die einen hielten aus Opposition zum System zusammen, die anderen um das System zu erhalten, die dritte Partei wollte einfach nur angenehm leben. Auf jeden Fall war man in festen moralischen, territorialen und wirtschaftlichen Grenzen vereint. Der Mensch war (bis auf Ausnahmen) noch nicht des Menschen Feind, wie es heute ist4. Das System war berechenbarer, als es heute ist.

Dazu kommt, dass Nordkoreaner bei einer Öffnung wahrscheinlich „Menschen zweiter Klasse“ wären. Was in Deutschland lange die im Westen wenig geschätzten Ossis waren, wären dann die Nordkoreaner. Schlimmer noch: Sie müssten sich nicht nur für den Krieg permanent rechtfertigen, sondern wären einer Siegerjustiz ausgesetzt, gegen die der Umgang mit den Staatssicherheitsmitgliedern im Nach-Wende-Deutschland nichts wäre.5

Es scheint also klar, dass man die Öffnung so lange, wie nur irgend möglich vermeiden möchte. Das es nicht ewig funktionieren kann, darüber sind sich, denke ich, alle im Klaren. Die Frage ist nur, wann und unter welchen Vorzeichen dies geschehen wird. Stärkt man jetzt seine Position, so würden die großen Entscheidungen der Zukunft sicher leichter werden und weniger schmerzhaft ausfallen.

Fazit: In mittlerweile fünf Beiträgen habe ich versucht, mich dem Thema Koreakrieg anzunähern. Von der Vorgeschichte, über den direkten Kriegsablauf kamen wir zu der dunkelsten Seite des Krieges: den Kriegsverbrechen auf beiden Seiten. Als direkte Folge der Ereignisse erschließt sich die Entwicklung der Juche-Ideologie in Nordkorea. Ich habe in Ansätzen versucht darzustellen, dass man Nordkorea nur begrenzt als Täter, als Aggressor betrachten kann. Viel eher als Spielzeug sehr viel größerer Mächte und der historischen Vorgänge (Stichwort: japanische Kolonie, sowie zweiter Weltkrieg). Wie weit mir das gelungen ist, muss der Leser entscheiden und mir mitteilen. Der fünfte Teil dieser kleinen Reihe war, wie man leicht sieht, der spekulativste Beitrag. Ich bin weder Nordkorea-Experte, noch Politikwissenschaftler, sondern lese mich nur nach und nach in das Thema ein. Also hinterfragt meine Ansichten, kritisiert sie, aber wenigstens der Leser wird angeregt darüber nachzudenken.

Aus diesem Grund kündige ich auch hiermit schon an, dass ich alle Teile in den kommenden Wochen noch einmal überarbeiten werde. Zum Einen habe ich langsam bessere Literatur, zum Andern möchte ich noch das Juche-Kapitel erweitern um die aktuellen ideologischen Vorstellungen6. Bisher unbehandelt blieb bisher auch Südkoreas beängstigende Entwicklung seit 1953, in der es auch nach den aktiven Kriegshandlungen zu Massakern und Verfolgungen kam, was ein nicht sehr vertrauenerweckendes Geschehen für jeden Nachbarstaat darstellt.

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1Dong-Choon Kim, „Der Korea-Krieg und die Gesellschaft“, Münster, 2007

2John Lanchester, „Stiller Putsch – Der Sieg des Kapitalismus und seine Folgen“, LE MONDE diplomatique, 08.03.2013 (http://www.monde-diplomatique.de/pm/.aktaus).

3Yugio = 6 – 2- 5. Synonym für den 25.06.1950, als Nordkorea die aktiven Kriegshandlungen eröffnete.

4Das Gegenargument STASI ist mir bewusst, doch konnte man, meiner Meinung nach, auch damit gut leben. Der „Feind“ war meist bekannt, so dass man damit umgehen konnte. Alles war berechenbarer.

5Man entließ damals, also kurz nach der Wende, z.B. sehr viele Lehrer, wegen ihrer angeblichen Staatssicherheitstätigkeit oder auch nur, weil sie ML (Marxismus-Leninismus) unterrichteten. In anderen gesellschaftlichen Bereichen war es ähnlich und funktionierte oft durch Diffamierung.

6Stichwort: Sŏn’gun-Politik (http://de.wikipedia.org/wiki/S%C5%8Fn%E2%80%99gun)

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